Vortragsreihe – aus der Forschung 2020

Reformation und Gesellschaft. Die Herausbildung protestantischen Selbstbewusstseins

Übersicht (Klick auf Link führt zur Vortragsankündigung):

 28.01.2020, Dr. Marianne Schröter: Freiheit – Obrigkeit – Kirche. Luthers ›reformatorische Hauptschriften‹ von 1520 [i]                          

25.02.2020, M. Ed. Eike Thomsen: Sind wir alle Hussiten? Jan Hus im Blick der frühen Reformation [ii]

24.03.2020, Dipl. theol. Tilman Pfuch: Der »Sermon von den guten Werken« von 1520. Luthers reformatorische Ethik [iii]

28.04.2020, Thomas Lang, M.A.: »Denn er predigte und lernete ja selbs, das man das wort Gots sol fechten lassen«. Die Auseinandersetzungen im Wittenberger Allerheiligenstift in der frühen Reformationszeit [iv]

26.05.2020, Dr. Anke Neugebauer: Baumeisterbildnisse der Reformationszeit [v]

30.06.2020, Prof. Dr. Ernst-Joachim Waschke: Der frühe Luther als Bibelwissenschaftler zwischen Humanismus und Reformation [vi]

15.09.2020, Dr. Mario Titze: Renaissancebrunnen in Wittenberg [vii]

13.10.2020, Patrick Schiele, M.A.: Zum Besucherprofil der Leucorea in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts aus den Daten des CIV-Projektes [viii]

17.11.2020, Dr. Marianne Schröter: »… das alle Alten um der Jugend willen leben, sie zu unterweisen und aufzuziehen«. Die Bildungsinitiativen der frühen Reformation [ix]

08.12.2020, Dr. Insa Christiane Hennen: Reformation und Stadtentwicklung [x]

 

Alle Vorträge finden um 19:30 Uhr im Auditorium maximum der Stiftung LEUCOREA (Collegienstraße 62) statt. Es wird herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

 

Ausführliche Ankündigungen:

[i]

Eröffnungsvortrag der »Vortragsreihe aus der Forschung 2020« der Stiftung LEUCOREA am Dienstag, 28. Januar 2020, 19.30 Uhr, von Dr. Marianne Schröter im Auditorium maximum

»Freiheit – Obrigkeit – Kirche. Luthers ›reformatorische Hauptschriften‹ von 1520«

Die Reformation wurde wesentlich durch Texte initiiert und kommuniziert. Texte, die als Thesenreihen, Traktate, Predigten oder Flugschriften direkt bei ihren Adressaten bzw. Widmungsträgern Resonanz erzeugten oder – wesentlich häufiger – durch Kopien, Drucke und Wiederabdrucke eine Wirkung weit darüber hinaus entfalteten und Auflagenhöhen erreichten, die bislang unbekannt waren. Martin Luther selbst stand von Beginn an im Mittelpunkt dieses Publikationsnetzes. In das Jahr 1520, dessen wir in der Reihe der laufenden Jubiläen mit der diesjährigen Vortragsreihe gedenken, fallen mehrere wichtige Schriften aus seiner Feder. Mitten im sog. Römischen Prozess stehend, also zwischen der Übersendung der Bannandrohungsbulle »Exsurge Domine« im Juni und dem Ablauf der Widerrufsfrist im Dezember 1520, verfasste Luther vier Traktate, die in der Forschung auch als ›Lutherische Hauptschriften‹ bezeichnet werden: Einer kurzgefassten Ethik, dem »Sermon von den guten Werken« vom Juni 1520, folgte im gleichen Monat mit der Schrift »An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung« Luthers Appell an die weltliche Obrigkeit, sich dringend erforderlicher kirchlicher und sozialer Reformen anzunehmen. Unter dem Titel »De captivitate Babylonica ecclesiae«/»Über die babylonische Gefangenschaft der Kirche« greift Luther dann im Sommer 1520 direkt die Missstände in Klerus und Papsttum an und revidiert die traditionelle Sakramentslehre. Der im Oktober 1520 veröffentlichte Traktat »Freiheit eines Christenmenschen«, mit dem Luther aus seiner theologischen Erkenntnis der Rechtfertigung allein aus Gnade die These individueller Glaubensfreiheit entwickelte, wurde besonders breit rezipiert und hat wesentlich zur Firmierung eines neuzeitlichen Freiheitsbegriffes beigetragen.

Der Vortrag der systematischen Theologin und Geschäftsführerin der Stiftung LEUCOREA, Dr. Marianne Schröter, will Luthers Schriften des Jahres 1520 nach Aufbau und Leitgedanken vorstellen sowie die Kontexte ihrer Entstehung und Rezeption nachzeichnen. Mit diesem Abend wird die diesjährige Vortragsreihe der Stiftung LEUCOREA eröffnet, die sich unter dem Rahmenthema »Reformation und Gesellschaft. Die Herausbildung protestantischen Selbstverständnisses« in zehn Vorträgen der frühen Wittenberger Reformation und ihrer Formierung in der Gesellschaft widmet. Zum Eröffnungsvortrag wird herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

 

[ii]

Sind wir alle Hussiten? Jan Hus im Blick der frühen Reformation

Vortrag von Eike Hinrich Thomsen (Leipzig) im Rahmen der Reihe aus der Forschung 2020 »Reformation und Gesellschaft. Die Herausbildung protestantischen Selbstbewusstseins« am Dienstag, 25. Februar 2020, 19.30 Uhr im Auditorium maximum der Stiftung LEUCOREA (Collegienstraße 62)

Wie die meisten seiner Zeitgenossen hielt Martin Luther den 1415 verbannten Theologen Jan Hus bis zum Beginn der Reformation für einen Ketzer. Erst mit der Leipziger Disputation von 1519 sollte sich diese Sichtweise ändern. In Leipzig bekannte sich Luther zum ersten Mal zu Hus und dessen Ideen. Diese verteidigte er gegen den Vorwurf der Irrlehre. Bereits im Frühjahr 1520 schrieb er begeistert an Georg Spalatin: »Kurzum: wir sind alle Hussiten gewesen ohne es gewusst zu haben.«

Fortan begann Martin Luther, Jan Hus als seinen Vorläufer und einen Märtyrer des christlichen Glaubens zu betrachten. Die Gegner des Wittenbergers hingegen sahen in diesem Bekenntnis zu Hus einen klaren Beweis für Luthers Häresie. Doch welche Gründe hatte Luther, dass er innerhalb kürzester Zeit seine Sicht auf den böhmischen Theologen fundamental änderte? Wie wirkte sich dies auf die frühe Reformationszeit – insbesondere das Selbstverständnis der reformatorischen Bewegung – aus? Und wie blickten andere Zeitgenossen der Reformation auf Hus?

Neben einem kurzen Überblick über das Leben und Wirken von Jan Hus wird der Vortrag diesen Fragen nachgehen und beleuchten, welche Rolle der böhmische Theologe in den Auseinandersetzungen der frühen Reformationszeit spielte. Der Referent, Eike Hinrich Thomsen, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kirchengeschichte der Theologischen Fakultät Leipzig und arbeitet im Zuge seines Dissertationsprojektes über die Rezeption von Johannes Hus in der Frühen Neuzeit.

Zum Vortrag wird herzlich eingeladen. Der Eintritt ist frei.

 

[iii]

Der »Sermon von den guten Werken« von 1520. Luthers reformatorische Ethik[1]

 

Wittenberg, im März 1520: Der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther ist eifrig an der Arbeit. In diesen Tagen vor 500 Jahren entwirft er eine christliche Ethik, die mit den bis dahin geltenden Überzeugungen brechen wird und bis heute nachwirkt.

Einen Monat zuvor hatte es noch nicht danach ausgesehen. Denn als ihn Georg Spalatin im Februar nach dem Sermon von den Guten Werken fragte, zeigte Luther kein Interesse, sich dazu an den Schreibtisch zu setzen. Er erinnere sich nicht, so erklärte Luther, eine solche Schrift zugesagt zu haben. Außerdem bestünde bei der Menge der Schriften, die er bereits herausgebracht habe, die Gefahr, dass er mit weiteren Büchern die Käufer ermüden würde. Einerseits spricht aus solchen Zeilen bereits der Bestsellerautor, der stets den Markt im Blick hat. Andererseits war Luther tatsächlich nicht untätig gewesen. Neben einem eben erschienenen Trostbuch für den erkrankten Kurfürsten stand kleines Büchlein über die Beichte kurz vor der Veröffentlichung. Beide waren im Austausch mit Spalatin entstanden. Kein Wunder, dass Luther den Überblick über die noch versprochenen Werke verloren hatte. Freilich, kurze Zeit später kehrte die Erinnerung zurück.

Während bereits Mitte April die ersten Seiten unter der Druckerpresse lagen, berichtete Luther Spalatin Anfang Mai, dass der Umfang des Buches weiter zunehme. Das bedeutet, dass der Druck parallel zum Schreiben erfolgt sein muss. Wissentlich oder nicht orientierte sich Luther damit an einem Vorschlag des flämischen Universalgelehrten Joachim Sterck van Ringelberg, einem Zeitgenossen Luthers. In einer Anleitung zum Bücherschreiben hatte dieser erklärt, dass man dem Buchdrucker, noch bevor das erste Blatt fertiggestellt sei, ein Buch zusagen solle. So müsse man täglich so viel schreiben, wie zum Druck notwendig sei. Auf diese Weise sei man gezwungen, das angefangene Buchprojekt zu vollenden, „es sey dir lieb/ oder leyd“, da einem der Drucker stets im Nacken sitze. Dieser Vorschlag sei allerdings nur dann gut auszuführen, wenn man genügend Material bei der Hand habe, aus dem man schöpfen könne.

Luther hatte seine Vorräte offensichtlich im Kopf angelegt, wie eine Notiz im Februar 1520 an Spalatin nahelegt, in der er schrieb: „Ich habe gewiss eine schnelle Hand und ein flinkes Gedächtnis, sodass, was ich schreibe, mir mehr herausfließt, als dass ich es hervorbringen müsste [...].“

Bereits Ende Mai schloss Luther das Buch ab. Noch 1520 erschienen ganze acht Ausgaben, bereits 1521 die erste lateinische Übersetzung der Schrift. Bis 1525 gab 13 deutsche und drei lateinische Nachdrucke.

Die Entstehungsgeschichte des Sermons zeigt damit viele Merkmale, die sich durch das schriftstellerische Wirken Luthers ziehen: Der intensive Austausch mit anderen Anhängern der Reformation, der zur eigenen Tätigkeit erst anregt, das anlassgebundene Schreiben, die unglaubliche Produktivität des Schreibens. Ohne das Wittenberger Gelehrtennetzwerk würden wir heute wohl einige der wichtigsten Schriften missen (noch im selben Jahr folgten u.a. die heute als „Hauptschriften“ bekannten Werke „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, „An den christlichen Adel deutscher Nation“ und „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“).

 

In einer der ersten Biographien über Luther schrieb der Autor, der Joachimsthaler Pfarrer Johann Mathesius: „In diesem Jahr erschien auch das christliche Buch ‚Von den guten Werken‘, daraus ich [...] den Anfang des Christentums im sechsundzwanzigsten Jahr, Gott sei Lob, erstmals gelernt habe.“

Was ist dieser Anfang des Christentums, der sich aus dem Sermon lernen lässt, und der der Schrift solchen Erfolg verschaffte?

Ein „Sermon“ ist eigentlich eine Predigt. Und so ist auch Luthers Schrift konzipiert. Sie geht die einzelnen Abschnitte der 10 Gebote entlang. Entsprechend der üblichen Anordnung der Gebote auf zwei „Tafeln“ (Gebote 1-3 und 4-10), wobei die ersten drei das Verhältnis des Gläubigen zu Gott, die anderen aber das Verhältnis der Menschen untereinander beschreiben, teilt sich auch Luthers Buch in zwei Hauptteile mit einmal drei und einmal sieben Teilkapiteln. Allerdings ist zu beachten, dass diese Kapitel nicht gleich aufgeteilt sind. Der Umfang eines jeden Kapitels nimmt immer weiter ab, bis schließlich das neunte und zehnte Kapitel nur noch einen Schlussabsatz bilden. Das erste Kapitel nimmt dagegen nicht nur den meisten Textumfang ein, es beinhaltet auch alle Grundlagen, die dann im Rest der Schrift beispielhaft an den anderen Geboten erläutert werden. Die Ausgangsfrage formuliert Luther in der Vorrede so: „Für diesmal habe ich nur erklären wollen, wie wir den Glauben in allen guten Werken üben, gebrauchen und das vornehmste Werk sein lassen sollen.“[2]  Damit einher geht eine Relativierung allen menschlich-ethischen Handelns, denn: „In diesem Glauben werden alle Werke gleich.“ Damit ist das einzige wirklich „gute Werk“ der Glaube. Das wird besonders deutlich in einer an Mt 16,26[3] erinnernden Formulierung Luthers:

„Was hülfe es doch, wenn der Mensch allerlei Gutes täte, nach Rom und zu allen heiligen Stätten liefe, allen Ablass erwürbe, alle Kirchen und Stifte baute, wo er hier an dem Namen und der Ehre Gottes schuldig gefunden würde, dass er dieselben zum Schweigen gebracht und verlassen habe und sein Gut, seine Ehre, Gunst und Freunde höher geachtet hätte als die Wahrheit (die Gottes Namen und Ehre selber ist)?“[4]

Zum Erfolg führte somit die provokative Neuausrichtung der Frage danach, wodurch sich Menschen Gott nähern könnten. Bisher hatte man vernommen, dass dazu die Mitwirkung des Menschen durch seine Werke die Voraussetzung sei. Die Wahl der Werke sei keineswegs egal, im Gegenteil, sie sei der Hauptpunkt. Noch der Humanist Erasmus von Rotterdam konnte Jesus Christus als einen Lehrer auf dem Weg zur ethischen Vollkommenheit begreifen.

Dagegen erklärte Luther, dass das ethische Handeln nichts zum Seelenheil beitragen könne. Jesus sei kein vorbildhafter Lehrer auf dem Weg zur Vollkommenheit. Nicht, wie man sich verhalte, sei entscheidend. Stattdessen zähle das Vertrauen darauf, dass Jesus Christus wirklich, wie es die Bibel bezeuge, für einen jeden Einzelnen gestorben und auferstanden sei. In einer Gesellschaft, in der man aus Angst vor einem drohenden Strafgericht Gottes, bei dem das eigene Verhalten aufgewogen würde, versuchte, so viele gute Taten wie möglich anzusammeln, boten solche Überlegungen eine ungeheure Gewissenserleichterung. Die Antwort Luthers auf die alte Frage, was das Gute ist und wie man es tun soll, lautete: Es ist nicht das, wo ich meinen eigenen Vorteil suche (sei es vor Gott oder Menschen), oder wo ich Gott zufrieden stelle, sondern wo ich meinen Mitmenschen zu Hilfe komme. Ein „Gutes Werk“ könnte demnach auch die gewissenhafte Ausübung des eigenen Berufs sein. Damit hatte Luther am Ende des kurzen Buchs, welches er vor 500 Jahren verfasste, einerseits festgehalten, dass nicht der Mensch, sondern nur Gott allein gut sein könne. Andererseits trug er zur Entwicklung einer Ethik des Berufs bei, deren Nachwirkungen, wie zum Beispiel die Auffassung, dass man auch krank noch zur Arbeit zu gehen habe, zwar heute noch allenthalben sichtbar sind, wohl aber wenig mit Luthers ursprünglichem Anliegen zu tun haben.

[1] Die folgenden Ausführungen stellen eine Zusammenfassung des am 24.03.2020 vorgesehenen Vortrags dar, der aufgrund der notwendigen Veranstaltungsabsagen im Frühjahr 2020 zunächst entfallen musste. Eine gekürzte Version ist als Beitrag am 24.03. in der Mitteldeutschen Zeitung erschienen.

[2] Übertragung T.P.

[3] „Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse?“ (Übers.: Lutherbibel 2017)

[4] Übertragung T.P.

 

 

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